Titel: Die Ausbreitung der Grossindustrie am Oberrhein.
Fundstelle: Band 312, Jahrgang 1899, Miszellen, S. 48
Die Ausbreitung der Grossindustrie am Oberrhein. Die grossartige Rheinbanalanlage, die Kraftübertragungswerke in Rheinfelden (Baden), die in ihrer Art in Europa einzig dasteht, geht demnächst ihrer gänzlichen Vollendung entgegen. Wie zu erwarten war, hatte dieses Werk die Gründung zahlreicher neuer Fabriken am Oberrhein und im Wiesenthal im Gefolge, die innerhalb der letzten 2 Jahre entstanden sind und teils ihren Betrieb bereits aufgenommen haben, teils noch in der Einrichtung begriffen sind. So ist vor allem in Badisch-Rheinfelden selbst die Bauthätigkeit eine ungemein rege; Fabriken, Geschäftsund Wohnhäuser schiessen wie Pilze aus der Erde. Wo vor kaum 2 Jahren noch der Bauer mit Pflug und Egge sein Feld bearbeitete, erhebt sich heute ein neu erstehendes Städtchen. An grossen Unternehmungen sind in Rheinfelden selbst zu nennen: die Elektrochemischen Werke Rheinfelden, G. m. b. H., eine Gründung der Elektrochemischen Fabrik Bitterfeld, sodann Chemische Fabrik Elektron, eine Gründung der Chemischen Fabrik Griesheim, ferner die Aluminiumfabrik Rheinfelden, eine Filiale des grossen Werkes in Neuhausen. Es sind dies drei gross angelegte Fabriken, die den Betrieb mit Hunderten von Arbeitern bereits begonnen haben. Der Vollendung nahe ist sodann in Rheinfelden die Natriumfabrik der Deutschen Gold- und Silberscheideanstalt Frankfurt a. M. Neuerdings ist vom Kraftwerke selbst in Verbindung mit den bereits bestehenden Fabriken die Anlage einer weiteren grossen Karbidfabrik beschlossen worden, die hauptsächlich auf die Ausnutzung der „Nachtkraft“ des Rheinkanals berechnet ist. Im nahegelegenen Wyhlen ist eine neue Maschinenfabrik und Brückenbauanstalt der Firma A. Buss und Cie. in Basel entstanden, die auch bereits dem Betriebe übergeben wurde. In Grenzach ist zu nennen das grosse Farbwerk der Firma Joh. Rud. Geigy, und Cie., Anilinfarben- und chemische Fabrik in Basel, das am 1. April seine Thätigkeit begonnen hat. Die Firma verlegt durch diese für etwa 800 Arbeiter berechnete Neuanlage einen Teil ihres Betriebes auf deutschen Boden, sie hat auch bereits mit dem Baue einer grossen Arbeiterkolonie begonnen. Ferner sind in Grenzach die Chemische Fabrik Hoffmann, Laroche und Cie., die Stofftapetenfabrik Engeli und Cie., sowie die Maschinenfabrik von G. Kochenhans neu entstanden und vor kurzem dem Betriebe übergeben worden. Neuerdings soll in Grenzach die Industriegesellschaft für Schappe in Basel, die in der Schweiz mehrere grosse Fabriken besitzt, einen grösseren Landkomplex angekauft haben, um darauf eine grosse Fabrik zu erbauen und damit ihre Thätigkeit auch auf deutsches Gebiet zu verlegen. Dass die Geländepreise in den genannten Orten infolge dieser Unternehmungen in kurzer Zeit rapid gestiegen sind, ist selbstverständlich, es werden heute bereits Preise bezahlt, die sich von solchen einer grossen Stadt wenig mehr unterscheiden. In Lörrach ist neu entstanden die Knopffabrik von A. Raymond, eine Filiale der gleichnamigen Firma in Grenoble, die ebenfalls seit 1. März in Betrieb ist. Endlich ist von neuen Fabriken noch zu nennen die Druckerei von Dr. Feer in Brombach, die ebenfalls der Vollendung nahe ist. Diese sämtlichen Fabriken beziehen ihren Kraftbedarf von Rheinfelden und ihre Anlage ist grösstenteils auf die Erbauung des Rheinkanals zurückzuführen. Viele andere Fabriken beziehen ebenfalls ganz oder teilweise zu Licht- und Betriebszwecken elektrische Energie von den Rheinfelder Kraftwerken. Manche ältere Etablissements haben Anlass genommen, ihren Betrieb durch Neuanlagen zu vergrössern, oder sie beabsichtigen solche Vergrösserungen. Umlaufende Gerüchte wollen wissen, dass speziell in der Nähe von Lörrach noch die Gründung weiterer grosser Fabriken geplant sei. Inwieweit sich dies bewahrheiten wird, ist noch nicht zu kontrollieren. Dass bei dieser enormen und raschen Ausdehnung der Grossindustrie sich bereits Mangel an Arbeitskräften fühlbar macht, ist selbstverständlich. Zum Sommer wird sich wohl der Arbeitermangel noch steigern, so dass voraussichtlich in vielen Betrieben die Beiziehung ausländischer Arbeiter wird ins Auge gefasst werden müssen, wie das vereinzelt bereits geschehen ist. Gab es noch vor kurzer Zeit viele, die das Gelingen des Rheinfelder Unternehmens in Zweifel zogen, so hat dessen bisherige Entwickelung bewiesen, dass diese Zweifler im Unrecht waren. Es darf schon heute gesagt werden, dass diese Anlage ein mächtiger Förderer der Grossindustrie am Oberrhein geworden ist. (Frankf. Ztg.)