| Titel: | Die deutsche und die amerikanische Maschinenindustrie. |
| Fundstelle: | Band 315, Jahrgang 1900, Miszellen, S. 323 |
Die deutsche und die amerikanische Maschinenindustrie.
In der am 24. April d. Js. abgehaltenen Versammlung des Vereins deutscher Maschineningenieure hielt Eisenbahnbauinspektor
Unger einen Vortrag über das Thema: „Kann die deutsche Maschinenindustrie von der amerikanischen lernen?“ Wir entnehmen demselben das Nachstehende:
Seitdem im Jahre 1876 die Amerikaner durch Veranstaltung ihrer ersten Weltausstellung die Hundertjahrfeier ihrer Unabhängigkeitserklärung
begingen, haben sich die Verhältnisse des Maschinenbaues nicht unwesentlich geändert. Deutschland, dessen Ausstellungsobjekte
damals sich das harte Urteil Geheimrats Reuleaux:
„Billig und schlecht“ zuzogen, hat seitdem gewaltige erfolgreiche Anstrengungen gemacht. Nicht minder gross aber sind die Erfolge, welche inzwischen
die amerikanische Industrie gemacht hat, besonders auch im Vergleich zu England, dem Mutterlande des Maschinenbaues. Ueberall
führen sich die Werkzeugmaschinen amerikanischen Systems ein. Bei uns in Deutschland sind bereits mehrere grosse Gesellschaften
thätig, um die Fabrikation amerikanischer Maschinen hier bei uns in Deutschland zu betreiben und auf diese Weise den Abfluss
eines erheblichen Teiles unseres Nationalvermögens in das Ausland zu verhüten.
Nach dieser Richtung ist in erster Linie die Garvin-Gesellschaft zu nennen, die in Berlin eine Niederlage besitzt und demnächst in Reinickendorf bei Berlin mit der Fabrikation beginnen wird.
Trotz der hohen Arbeitslöhne, trotz der hohen Transportkosten und trotz der Eingangszölle vermag der amerikanische Werkzeugmaschinenbau
mit dem deutschen wirksam zu konkurrieren. Es hat dieses seinen Grund in der auf das Aeusserste ausgedehnten Arbeitsteilung,
der weitestgehenden Verwendung der Maschinen- an Stelle der Handarbeit und in der weitest gehenden Spezialisirung der Fabrikation.
Professor Dr. Paasche hat die amerikanischen einschlägigen Verhältnisse jüngst an Ort und Stelle eingehend geprüft und ermahnte dringend die deutschen
Maschineningenieure, zur Bekämpfung der ihnen drohenden mächtigen amerikanischen Konkurrenz zu deren amerikanischem System
der Arbeitsteilung und der Verwendung der Maschinenarbeit überzugehen. Binnen weniger Jahre haben sich die Vereinigten Staaten
Amerikas von einem Agrarstaate zu einem Industriestaate allerersten Ranges emporgearbeitet, der nicht nur nicht mehr der Schutzzölle
bedarf, sondern erfolgreich den fremden Markt beschreitet.
Vor allem warnte Geheimrat Paasche vor der irrigen Auffassung, dass die amerikanische Industrie durch die angeblich in Amerika herrschende Teuerung auch heute
noch an einer wirksamen Konkurrenz mit Deutschland und dessen billigen Arbeitskräften behindert werde. Die Kosten der Lebensunterhaltung
sind in den letzten Jahren in Nordamerika so erheblich vermindert worden, dass sie zum Teil niedriger sind als bei uns in
Deutschland.
Zum Schlusse ermahnte Geheimrat Paasche die deutschen Ingenieure, die an Wissenschaftlichkeit und Schulung die ersten der Welt seien, ein grösseres Gewicht auf ihre
Ausbildung in wirtschaftlicher Beziehung zu legen.